Islamischer Staat – Die letzten Tage des Kalifats?

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IS Hinrichtung – Quelle: Youtube Screenshot

Nach endlos währenden fünf Jahren hat der Kampf im Nahen Osten zum Erscheinen neuer de-facto-Staaten geführt. Sie konnten unter den modernen Bedingungen ihre Macht wesentlich festigen, sowie die Territorien ausdehnen. Nach heutigem Stand wurden sie sogar bedeutsamer als einige Mitglieder der UNO, aber sie werden dabei für immer (vorerst?) von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt werden. Der Krieg in Syrien und im Irak hat die Bildung dieser Quasistaaten erst bewirkt, die mit ihren Handlungen einen kompletten Neustart des gesamten Nahen Osten zur Folge haben können.

Von Thomas Roth

Erstes: nach der Größe unbedingt vorn dran ist der Islamische Staat, der einen bedeutenden Teil der östlichen Territorien Syriens und des westlichen Iraks – nach der Einnahme der Stadt Mossul und der Zerschlagung der irakischen Truppen – in einem relativ kurzen Zeitabschnitt besetzen konnte. Auf diesen Territorien ist das Kalifat ausgerufen worden.
Zweitens: den zweiten Platz nach der Größe erreicht das neue territoriale Gebilde, was seine Bürger Roschawa (Rojava) nennen. Das von den syrischen Kurden so benannte Territorium, das sich unter ihrer Kontrolle im Norden Syriens befindet, erstreckt sich der Länge nach zwischen Tigris und Euphrat.
Drittens: den Platz hält das Irakische Kurdistan, das die Autonomie bereits errungen hat und jetzt ungestüm dabei ist, sein Gebiet auszudehnen und deshalb versucht, die IS-Positionen zu verschieben und die Territorien zwischen ihnen und Bagdad zu besetzen.

Eine der wichtigsten Fragen der Zukunft ist, ob diese Veränderungen in der Geopolitik des Nahen Ostens erhalten bleiben, wenn die syrische Krise zu ihrer logischen Vollendung kommen wird. Die Positionen der Kurden ihrerseits sind viel stärker, als die der Dschihadisten, da sie, erstens, den Kampf mit ihnen führen und zweitens ein Maximum an Vorteilen für die geleistete Unterstützung von seiten der USA und Russlands herausholen. Für Washington haben sie ihren Wert nur aus einem einfachen Grund: Die Kurden haben mit 120.000 bewaffneten Kämpfern nachgewiesen, dass sie mit der Unterstützung der westlichen antiterroristischen Koalition, wirksam gegen die Halsabschneider des IS kämpfen können. Damit sind sie für die Amerikaner die „fremden Hände“ im Kampf mit dem Terrorismus in der Region. Gleichzeitig werden die kurdischen Gruppierungen, die im Norden Syriens kämpfen, von Russland unterstützt, da sie auf einer Seite der Barrikade mit den Regierungstruppen aus Damaskus stehen. Allerdings fürchten sich dabei die kurdischen Einheiten, dass sie unmittelbar nach der Befreiung von Mossul und der Zerschlagung des IS wieder an Bedeutung auf dem internationalen Parkett verlieren. Damit geht dann wieder ihre Selbstbestimmung verloren und sie geraten wieder in die Jurisprudenz der Regierungen des Irak und Syriens und in die Klauen der Türkei und Saudi-Arabiens. Ohne Unterstützung kann sich das Irakische und Syrische Kurdistan auf den strittigen Territorien nicht behaupten.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass der IS früher oder später praktisch vollständig zerstört sein wird, da der Vernichtungswillen der internationalen Koalitionen äußerst groß ist. Aber es scheint doch sehr wahrscheinlich, dass die Stammväter des Kalifats innerhalb des Irak, in Syrien oder auf anderen arabischen Territorien verborgen bleiben werden. Im Laufe der letzten Monate wurde dem IS endlich eine strategische Niederlage bei der Belagerung der Stadt Kobani zugefügt. Der Kampf um diesen Ort dauerte ungefähr vier Monate, nach einigen Quellen waren etwa 2.500 IS-Kämpfer bei den Kämpfen getötet worden. Anfang Februar haben die syrischen Regierungstruppen mit der Luftunterstützung Russlands die Kontrolle über die Hauptverkehrsverbindung bis nach Aleppo wiederhergestellt und eine Woche später haben sie den Fliegerhorst Ming bei Aleppo zurückerobert. Inzwischen hat die gemeinsame Allianz das von Russland und den USA erarbeitete friedliche Abkommen über die Feuereinstellung angenommen. Es ermöglicht ihnen, das Gleichgewicht der lokalen und regionalen Kräfte zu kontrollieren und ihren Spielern zu ermöglichen,  Schlüssellösungen für Syrien zu fassen.

Das alles spricht dafür, dass die Niederlage des IS nicht mehr allzu fern ist. Es ist jetzt schon zu sehen, dass sich das Kalifat unter dem militärischen und ökonomischen Druck von außen allmählich durchbiegt. Ramadi, Tikrit, sowie Sindschar im Irak sind schon zurückerobert. In Syrien nähern sich die Regierungstruppen allmählich Rakka. Die Gruppierung erleidet schwere Verluste und ist von der Außenwelt vollständig isoliert. Die Türkei hat kaum noch Möglichkeiten, die IS-Kämpfer zu unterstützen. Russland und die syrischen Grenzsoldaten bemühen sich, die syrisch-türkische Grenze zu sichern, um Nachschub zu verhindern. Gestern wurde noch zusätzlich die Ausstattung der Grenzer durch Russland weiter ergänzt. Zur Überwachung des Grenzverlaufs wurde Drohnen und Radare nachgeführt. Man kann übrigens mit diesen Radaren auch exakt die Feuerstellungen für das Geschützfeuer vom türkischen Gebiet lokalisieren.

Die wirtschaftliche und administrative Infrastruktur des Kalifats, die innere Struktur, wird allmählich zerstört. Um weiter Einfluss auf die Bevölkerung zu behalten, verstärken die Kämpfer den religiösen Druck in Form von verschiedenen neuen Einschränkungen. Es ist z.B. ein solches Strafmaß wie das Auspeitschen eingeführt worden. Dem, der sich den Bart abrasiert hat, werden 30 Peitschenhiebe verpasst. Der Umgang mit den Frauen wurde auch noch viel schlechter. Richtig aufgeblüht ist das Sklavensystem. Die Kämpfer bestehen darauf, dass die Vertreter des weiblichen Geschlechtes mit der Burka, mit Strümpfen, mit Handschuhen und langer Kleidung durch die Straßen gehen. Wenn die Frau diese Regeln verletzt, so wird ihr Wirt oder ihr Mann augenblicklich mit der Peitsche bestraft. Entführungen und Lösegelderpressungen stehen auf der Tagesordnung.

Der Lebensstandard ist auch gefallen. Die Läden sind nur noch halbvoll, auf dem Markt sind deutlich weniger Menschen, als es noch im vorigen Jahr waren. Die Inflation benimmt sich tollwütig, die Preise sind zigfach gewachsen. Dazu kommt, dass die Beamten des IS die Waren beschlagnahmen. Gewaltsam nehmen sie den Leuten eine beliebige Produktion unter dem Deckmantel der Hilfe für die Dschihadisten an der Front ab. In der Region gibt es einen katastrophalen Wassermangel. Die Korruption und die Kriminalität haben sich stark erhöht.

Alle reden darüber, dass es dem IS am Geld fehlt. Die finanzielle Basis ist vollständig zerstört. Das von den Kämpfern kontrollierte Territorium taucht allmählich ins Chaos ab. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sich die Menschen bemühen, auf allen nur möglichen Wegen dem IS zu entkommen, er geht immer mehr in das Zerfallsstadium über. Inwiefern es schnell gehen wird, ist kompliziert zu beantworten, es sind jedoch die ersten Merkmale vorhanden. Die schwarzen Banner des IS haben in dem Moment eine Niederlage erlitten, als der Krieg einen internationalen Charakter angenommen hat. Russland wird zusammen mit seinen Verbündeten die Sache zu Ende bringen, das ist gewiss. Für die syrischen und irakischen Kurden wird das ein Test auf Haltbarkeit. Wenn nach den Kämpfen auch der Krieg aufhören wird, dann könnten ihre Positionen heftig unter Druck geraten, wenn Bagdad und Damaskus wieder die Jurisdiktion über die Territorien in die Hand nehmen. Aber ich bin überzeugt, es ist dann schon ein völlig anderer Naher Osten sein – ein Naher Osten, welcher uns und Ihnen bisher noch nicht mit eigenen Augen zu erblicken vergönnt war.

Quelle: contra-magazin

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