Die Rückkehr der German Angst

man-358969_1920

Durch Paris stürmen Terroristen, in Istanbul sterben Deutsche und in Köln grabschen Flüchtlinge: Seit Jahren stand es um das Sicherheitsempfinden der Deutschen nicht so schlecht wie heute

Besser kann ein Jahr kaum beginnen: Schnee und Schuldenberg schmelzen unaufhörlich dahin. Nie war die Kriminalitätsrate in Deutschland so niedrig, die Lebenserwartung so hoch wie heute. Die Arbeitslosenzahlen sind schon wieder gesunken. Selten gab es so viel Grund positiv in die Zukunft zu schauen wie zum Beginn des Jahres 2016.

Wären da nicht massenhaften sexuellen Übergriffen vor dem Kölner Hauptbahnhof. Die toten Deutschen von Istanbul? Die Angst, dass ein Terroranschlag wie der von Paris auch in Deutschland möglich sei. Und die Sorge darum, dass an der nächsten Geschichte um ein vergewaltigtes Mädchen auf Facebook doch etwas Wahres dran ist.

Welchen Blick es tatsächlich ist, mit dem Deutsche ins neue Jahr starten, haben nun mehrere Meinungsumfragen versucht herauszufinden. Deren einhelliges wie ernüchterndes Ergebnis: Seit Jahren stand es um die Hoffnung und das Sicherheitsempfinden der Deutschen nicht mehr so schlecht wie 2016.

„Haben Sie aufgrund von Ereignissen wie den Terroranschlägen in Paris oder den Übergriffen in Köln Ihre Gewohnheiten geändert und verhalten sich im Alltag anders?“, wollte das Meinungsforschungsinstitut FORSA in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Zeit wissen. Fast jeder sechste (15 Prozent) bejahte die Frage. Auffällig ist: Der Anteil der Frauen, die ihr Verhalten geändert haben, ist mit 19 Prozent fast doppelt so hoch wie die der Männer mit 10 Prozent. Auch bei der Frage, wie konkret sich die Gewohnheiten geändert haben, antworten Männer und Frauen unterschiedlich: So gab etwa einer von 20 Männern an, „vorsichtiger, achtsamer und misstrauischer“ geworden zu sein. Bei Frauen ist es jede zehnte.

Noch deutlicher ist der Unterschied zwischen Anhängern unterschiedlicher Parteien. So gaben rund ein Drittel der AfD-Anhänger an, ihr Verhalten geändert zu haben. Bei Anhängern von SPD, CDU/CSU und Linke sagten zwischen 10 und 12 Prozent, dass Köln und Paris Einfluss auf ihren Alltag genommen hätten. Am wenigsten sorgenvoll zeigten sich die Anhänger der Grünen mit 6 Prozent.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Umfrage von Allensbach, die die FAZ vergangene Woche veröffentlicht hat. Alljährlich fragt das Meinungsforschungsinstitut nach Ängsten in der Bevölkerung. Das Ergebnis: Nach Jahren wachsenden Optimismus blickt erstmals wieder eine Mehrheit der Bundesbürger sorgenvoll in die Zukunft.

„Sehen Sie dem kommenden Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“, lautete die Frage, auf die im vergangenen Jahr noch mehr als jeder zweite (56 Prozent) mit „Hoffnung“ antwortete. In diesem Jahr waren es hingegen nur noch 41 Prozent. Nach konkreten Ängsten gefragt, fällt die Entwicklung noch deutlicher aus: 82 Prozent gaben an, vor Gewalt und Kriminalität Angst zu haben – eine Zunahme um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Große Sorgen“ vor einem Terroranschlag machten sich Dreiviertel der Befragten. In etwa genauso viele sorgen sich davor, dass immer mehr Flüchtlinge ins Land kommen. 58 Prozent der Befragten stimmten generell der Aussage zu, „in einer besonders unsicheren Zeit“ zu leben. Auch das ist ein Höchstwert.

Mit Abstand am stärksten angestiegen ist das Angst-Barometer allerdings bei einem Punkt, der zeigt wie diffus die Sorgen sind: Über „die allgemeine Unsicherheit, wie es weitergeht“ machten sich 53% Sorgen, im vergangenen Jahr waren es noch 29 Prozent. Diffuse Sorgen, die allerdings reale Folgen haben: So wurden in den ersten drei Januarwochen allein in Köln 1.200 „Kleine Waffenscheine“ beantragt. Das Dokument berechtigt unter anderem zum Tragen von Gas- und Schreckschusspistolen. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2015 wurden in Köln 408 solcher Erlaubnisse ausgegeben.

Solchen Ängsten mit Fakten zu begegnen, hat vergangene Woche die Berliner Amadeu Antonio Stiftung versucht. In ihrer Broschüre „Das Bild des ‚übergriffigen Fremden‘ Warum ist es ein Mythos?“ nimmt die Anti-Rassismus-Initiative auch Bezug zu den Ereignissen in Köln und der Angst vor sexuellen Übergriffen. Ein Ergebnis der Broschüre: Statt vor Flüchtlingen sollte man – wenn dann – doch eher vor den eigenen Arbeitskollegen, Freunden und Verwandten Angst haben. Denn „mehr als drei Viertel kommen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld der betroffenen Frau oder des Mädchens“.

Ein paar Fakten zur Angst vor terroristischen Anschlägen hat in dieser Woche auch das Bundeskriminalamt beigesteuert. Demnach gab es im Jahr 2015 über 1000 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Die Zahl islamistischer Anschläge belief sich hingegen auf null. Und auch das Wetter soll in den nächsten Wochen schneefrei bleiben.

Quelle: Telepolis

Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar