66 Kriegsstaaten – droht ein Dritter Weltkrieg?

explosions-3591_640Auf syrischem und irakischem Boden werden wir Zeugen eines Gewirrs von Konflikten mit nie dagewesener Sprengkraft und einem akuten Weltkriegspotenzial

Aus Arroganz und Ignoranz scheint den Kriegslüsternen hierzulande nicht klar zu sein, dass auch bei uns die Lichter aus gehen, wenn der Nahe Osten in Brand gesteckt wird.

Das vergangene Jahrhundert war geprägt von rivalisierenden Großmächten und Konflikten, die in zwei Weltkriegen mit mehreren zehn Millionen Toten mündeten. Zudem bestimmten die Ängste vor einem dritten Weltkrieg die Geopolitik des Kalten Krieges. Als die Berliner Mauer fiel, glaubten viele, die Gefahren seien gänzlich aus der Welt. Heute jedoch sehen eine Vielzahl von Geostrategen eine Neuauflage des Kalten Krieges.

Schon Henry Kissinger bezeichnete das Schmieden von Allianzen als „diplomatische Apokalypse-Maschine“, die durch relativ unbedeutende Ereignisse wie die Ermordung Franz Ferdinands im Falle des Ersten Weltkriegs, einen Weltkrieg entfachte. Gleichermaßen könnte man das Beibehalten großer Atomwaffenarsenale, die auf beiden Seiten zum Abschuss bereitstehende nukleare Interkontinentalraketen umfassen, eine „technologische Apokalypse-Maschine“ nennen. Diese Maschine erzeugt durch die andauernden Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine die nötigen Funken für einen neuen Weltkrieg.

Wenn Sci-Fi das Armageddon kommen sieht, ist etwas dran

Herbert G. Wells sagte die Atombombe voraus, George Orwell die NSA und den Überwachungsstaat, Ray Bradbury prophezeite Kopfhörer und Flachbildschirme und die Serie Star Trek das Lesen auf Tablet-PCs. Science-Fiction-Autoren besitzen viel Fantasie, manchmal beweisen sie auch ein feines Gespür für künftige Entwicklungen.

Nur 18 Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges schrieb Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, an der Kurzgeschichte „Danger!“. Danach brach der Erste Weltkrieg aus. Die Geschichte hätte wahrscheinlich einen anderen Lauf genommen, wenn die Staatenlenker 1914 auf die konkreten Warnungen des Schriftstellers gehört hätten.

In seiner Erzählung hatte Doyle von einem fiktiven europäischen Land gesprochen, das Großbritannien angreifen und bezwingen würde. Hierzu würde sich der Feind eine Waffe zunutze machen, die bis zu diesem Zeitpunkt in dieser Form noch unbekannt war: das U-Boot als Kriegsgerät. Dieses scheinbare Hirngespinst sollte schon bald Realität werden, als das deutsche U-Boot zu einer der gefährlichsten Waffen im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde.

Im Juni des Jahres 2015 sorgte der Science-Fiction-Roman „Ghost Fleet“, über einen fiktiven Krieg zwischen den USA, China und Russland, bis in die Hallen des Pentagon für großes Aufsehen. Folgendes Szenario wird darin angenommen: Die Stellvertreterkriege entwickeln sich zu einem großen Krieg. Die Vereinigten Staaten von Amerika liefern sich eine Schlacht mit China und Russland, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hat. Gekämpft wird nicht nur in der Luft, auf See und zu Land, sondern auch im Weltall und im Cyberspace.

Der Autor Peter W. Singer, der sich in den letzten Jahren einen Namen als außenpolitischer Stratege mit tiefgehender Expertise gemacht hat, weckte mit seiner detailreichen Schilderung fiktiver Ereignisse das Interesse der amerikanischen Verteidigungsführung. Armeeoffziere, Marinestrategen, Experten für Nationale Sicherheit des US-Kongresses luden ihn ein, um sich unterrichten zu lassen.

Im September 2015 berief der US-Militärausschuss Kongressanhörungen über strategische Kriegsführungen ein. In einer Anhörung wurde Singer als Zeuge geladen. Er hielt einen Vortrag mit dem Titel „Die Lehren aus dem Dritten Weltkrieg“. Anschließend erörterte er, von Nachfragen durch Abgeordnete der Demokraten und Republikaner begleitet, welche Technologien, Mittel und wie viel Humankapital nötig seien, damit das amerikanische Militär siegreich aus einem solchen Krieg hervorgehen könne. Wieder wird deutlich, dass die USA sich dazu entschieden haben, ihre Vorstellungskraft stärker für Strategien beim Eintreten eines Extremfalls einzusetzen, als für die Konfliktbewältigung.

Wenn es um die Verteilung von Kuchen geht, sind alle da

Aus Sicht der amerikanischen Führung gibt es sie wieder: die „Koalition der Willigen“, wie schon zu Zeiten des Dritten Golfkrieges im Irak. Nach US-Angaben werden sich schon bald 66 Staaten auf unterschiedliche Weise militärisch in Syrien und im Irak engagieren. Ihre Mission richtet sich offiziell gegen den Terror, allerdings wird der Begriff von verschiedenen Akteuren ganz unterschiedlich definiert.

Das Kernproblem: Auf syrischem und irakischem Boden kreuzen sich die – teils gegenläufigen – Interessen der Großmächte und kleinerer Akteure. Vor allem die Rivalitäten zwischen den USA und Russland sowie dem Iran und Saudi-Arabien, sind ein ein großes Hindernis im Kampf gegen den IS und für die Lösung der Syrien-Krise.

Vor diesem Hintergrund stehen gegenseitige Provokationen in der umkämpften Region an der Tagesordnung. Mal erzürnt ein Raketentest der Iraner in der Straße von Hormus die Amerikaner, mal sind es die Saudis, die die Iraner mit der Hinrichtung eines einflussreichen schiitischen Gelehrten verärgern oder es sind die Türken, die einen russischen Kampfjet abschießen oder Russen, die Raketen auf eine türkische Schiffspassage richten. All dies ist die Folge eines Wettlaufs um Dominanz, der hinter den Kulissen veranstaltet wird. Ein Wettlauf um politischen Einfluss, um geostrategische Stützpunkte, um Waffenarsenale und Rohstoffsicherung.

Wer blickt da in Syrien und im Irak angesichts der vielen Kriegsparteien überhaupt noch durch? Der syrische Diktator Baschar al-Assad bekämpft die Aufständischen der Freien Syrischen Armee, der Islamischen Front, der al-Nusra Front (Al-Qaida) und des IS. Der „Islamische Staat“ hat seinerseits einen Krieg gegen die ganze Welt ausgerufen, in der Hoffnung den angeblich prophezeiten Endzeitkampf zwischen Gut und Böse in der Stadt Dabiq zu provozieren. Ihre Kämpfer kommen aus aller Welt, ihre Gelder aus Lösegeld-, Erdöl- und Steuereinnahmen, ihre Waffen aus Nachbarstaaten und Unterstützung offenbar aus Saudi-Arabien, den Golfstaaten und indirekt durch die Türkei.

Die türkische Regierung bekämpft Assad, auch mithilfe syrischer Turkmenen, und ebenso die Kurden in Nordsyrien. Hierbei nutzt die Türkei den „Islamischen Staat“ vermutlich als Rammbock gegen kurdische Kämpfer, die einen eigenen Staat anstreben. An der türkisch-syrischen Grenze wird scheinbar der tägliche Transport von neuen Dschihadisten und Waffen vorsätzlich übersehen. Die verfeindeten Kurden kämpfen wiederum gegen den „Islamischen Staat“ und gegen Assad mit der Unterstützung der USA, von Großbritannien und Frankreich. Russland hilft Assad im Kampf gegen jeden Feind der syrischen Regierung und pflegt ein angespanntes Verhältnis zum Nato-Staat Türkei.

Nicht nur ohne die Türkei, sondern auch ohne Saudi-Arabien wäre der „Islamische Staat“ nicht das, was er heute ist. Saudi-Arabien hat der Terrormiliz über eine lange Zeit hinweg massiv unter die Arme gegriffen, da das Königshaus alle sunnitischen Gruppen in Syrien und im Irak unterstützte, um die Interessen des Erzfeinds Iran zurückzudrängen. Der Iran und die libanesische Terrororganisation „Hisbollah“ sind am Machterhalt Assads interessiert. Auch im Irak soll die schiitisch-dominierte Regierung erhalten bleiben. Deshalb werden Syrien und Irak mit Geld, Waffen und Soldaten gestützt. So kämpft die „Hisbollah“ an der Seite Assads gegen alle Rebellengruppen und koordiniert Kampfeinsätze gegen irakische Schiitenmilizen.

Wenn das Kriegsziel unerreichbar ist, wird die Welt gewalttätiger

Nicht der IS ist die Ursache für die Konflikte im Nahen Osten, sondern lediglich ein Symptom. Das willkürliche ergreifen einer Partei für die Wahrung eigener Interessen und das blinde Unterstützen von radikalen Bewegungen gegen den gemeinsamen Feind, ist die Wurzel allen Übels. Die Beseitigung des IS wäre in einem relativ kurzem Zeitraum möglich, wenn die Großmächte gewillt wären, über ihren sehr langen Schatten zu springen und Kompromisse auf Kosten ihrer Vorteile zu machen.

Wie kann es sonst sein, dass eine Mörderbande einen „Staat“ ausruft, ihn so eine lange Zeit am Laufen hält, obwohl sie ja offziell keinen Handel treiben kann? Würde der Ölschmuggel nach Jordanien und in die Türkei unterbunden, die Lösegeldzahlungen eingestellt, der Ankauf geplünderter Antiquitäten gestoppt und die privaten Geldgeber an den IS in Katar und Saudi-Arabien ausfindig gemacht werden, dann würde sich der „Staat“ kannibalisieren. Die schweigenden Sunniten unter IS-Herrschaft würden gegen die Führung aufbegehren, besonders wenn sie nach der Vertreibung der IS-Terroristen eine Perspektive auf eine gerechte politische Partizipation an einer konfessionsneutralen Regierung erhielten.

Schon seit Jahrzehnten beherbergt der Nahe Osten Freunde, Kollaborateure und Feinde, die allesamt von derselben Maxime geleitet sind: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Die Kriegsparteien legen sich auf dem Krankenbett mal auf die linke, mal auf die rechte Seite, im Glauben dann besser zu liegen. Getrieben von Angst vor einem Gesichtsverlust scheint keine Partei in diesem Muskelspiel nachgeben zu wollen.

So traurig es ist: Keiner der Akteure wird für die Wahrung eigener Interessen ohne Menschenrechtsverletzungen auskommen. Wir werden wieder Tote zählen, die im Rahmen westlicher Aktionen im Irak und Afghanistan noch „Kolleteralschäden“ waren und nun werden sie „Opfer“ genannt, weil sie russisch-iranischer Aktionen zum Opfer fallen.

Je tiefer man in die komplexen politischen Zusammenhänge und deren mögliche Auswirkungen eintaucht, desto mehr wird klar: Durch jede überzogene Aktion, jeden Fehler und jedes Missverständnis könnte militärische Gewaltanwendung selbstläufig werden und eine Gewaltspirale in Gang setzen, die nicht mehr zu kontrollieren ist. Und dann wären wir bei dem “ bösen Wort“, das viele nicht wagen, in den Mund zu nehmen: Weltkrieg.

Quelle: Telepolis

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