Die Deutschen und die Obrigkeit

heinrich-heine-514909_1920Heinrich Heines ach so aktuelle Kritik: Er schrieb mit literarischen Mitteln gegen die von der Obrigkeit gelenkte Presse an. Er wollte aufklären, die Masse wachrütteln.

„Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,
Er segne deine Saaten,
Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,
Vor Helden und Heldentaten.“ Heinrich Heine

Wie kaum ein anderer hat Heinrich Heine (1797 – 1856) die Deutschen gleichermaßen so heiß geliebt, wie heftig kritisiert und mit beißendem Spott übergossen. Er liebte das Land, litt mit dem einfachen Volk, war ein Verehrer der deutschen Geistesgrößen in Literatur und Philosophie, deren Gedankenflüge er bewunderte, und er hasste die „preußischen Junker“, die gesamte dekadente adelige Obrigkeit, deren Unterdrückungsherrschaft er unermüdlich mit allen Künsten seiner spitzen Feder bekämpfte. Seine Schriften wurden zensiert und verboten. Zunehmend angefeindet, siedelte er 1831 nach Paris, wo er bis zu seinem Tode blieb.

Aber Zeit seines Lebens sehnte er sich nach Deutschland, das sein ganzes Sinnen und Denken in Anspruch nahm, und fasste seine unstillbare Sehnsucht in die Worte:

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland.

                                                         Der Eichenbaum

               Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.

                                                         Es war ein Traum.

                           Das küsste mich auf deutsch und sprach auf deutsch –

                                                         Man glaubt es kaum,

           Wie gut es klang – das Wort: „Ich liebe dich. –

                                                         Es war ein Traum.“

Doch die schwarz-rot-goldene National-Fahne war ihm suspekt. Er sah in ihr ein rückwärtsgewandtes Symbol. Und bei denen, die sie schwenkten, witterte er „Teutomanie“ und „Phrasenpatriotismus“, der sich gefühlsträchtig an äußeren staatlichen Glanz und Ruhm heftet und vor falscher Treue zur Obrigkeit nicht gefeit ist. Sein Patriotismus richtete sich auf Deutschland als Kulturgemeinschaft, auf seine Musik, die Besonderheit des Dichtens und Denkens, das aus Deutschland hervorwuchs, und er rief seinen nationalen Kritikern entgegen:

Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben.“ (Vorwort zu: Deutschland, ein Wintermärchen)

Die Freiheit von aller Tyrannei

In der Philosophie des deutschen Idealismus sah Heinrich Heine in einzigartiger Weise das Denken in seiner hohen Bedeutung erkannt und vielfältig ausgebildet. Aus dem Gedanken tragenden Wort ist die Welt geschaffen. Im Gedanken tritt das Wesen alles Geschaffenen in das menschliche Bewusstsein. Und was der Mensch seinerseits in die Zukunft hinein schaffen will, muss er zuerst in seinem Bewusstsein in Gedanken fassen, die von da aus, ob gut oder schlecht, zur Tat, zur Verkörperung drängen.

Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. Und, wunderbar!, der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, und es wird Licht, oder es wird Finsternis, die Wasser sondern sich von dem Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Die Welt ist die Signatur des Wortes. Dieses merkt euch, ihr stolzen Männer der Tat. Ihr seid nichts als unbewusste Handlanger der Gedankenmänner, die oft in demütiger Stille euch all euer Tun aufs bestimmteste vorgezeichnet haben.“

Das Ziel der Entwicklung ist die Freiheit von aller Tyrannei. Aber dem freien Handeln muss die Erkenntnis zugrunde liegen, die zuerst im eigenen unabhängigen philosophischen Denken zu erringen ist. Das ist nicht nur eine deutsche, sondern eine Menschheitsaufgabe. Dadurch erwirbt der Mensch die innere Freiheit, aus der heraus erst die äußeren, gesellschaftlichen Unfreiheiten, die dem freien Handeln entgegenstehen, beseitigt werden können.

         „Diese deutsche Philosophie ist eine wichtige, das ganze Menschengeschlecht betreffende Angelegenheit. Und erst die spätesten Enkel werden darüber entscheiden können, ob wir dafür zu tadeln oder zu loben sind, dass wir erst unsere Philosophie und hernach unsere Revolution ausarbeiteten. Mich dünkt, ein methodisches Volk wie wir musste mit der Reformation beginnen, konnte erst hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen und durfte nur nach deren Vollendung zur politischen Revolution übergehen.“  (Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland 1834)

Doch die kleinen politischen Revolutionen waren ja noch nicht vom Erfolg gekrönt. Und die nach den beiden Weltkriegen in Deutschland jeweils eingeführte parlamentarische Demokratie wird von den meisten als das erreichte Ziel aller Revolutionen gehalten, was nur sein kann, wenn man sich von einer Freiheitvorstellung einlullen lässt, die „demokratische“ Fremdbestimmung als Selbstbestimmung verkauft.

Ursprung der Macht

Heine durchschaute, dass sich die Macht einer alten Priester- und Kriegerkaste, wie sie in den orientalischen Theokratien über Bewusstsein und Leben der Menschen herrschte, im Grunde bis in seine Zeit unrechtmäßig erhalten hatte. Was in früher Zeit noch eine Einheit war, teilte sich in eine kirchliche und eine weltliche Macht, die aber zusammenarbeiteten und in vielerlei Verkleidungen die Menschen ihrer inneren und äußeren Freiheit beraubten.

„Wenn mir mal die Zeit der müßigen Untersuchungen wiederkehrt, so werde ich gründlich beweisen: dass nicht Indien, sondern Ägypten jenes Kastentum hervorgebracht hat, das seit zwei Jahrtausenden in jede Landestracht sich zu vermummen und jede Zeit in ihrer eigenen Sprache zu täuschen wusste, das vielleicht jetzt tot ist, aber den Schein des Lebens erheuchelnd, noch immer bösäugig und unheilstiftend unter uns wandelt, mit seinem Leichendufte unser blühendes Leben vergiftet, ja, als ein Vampir des Mittelalters den Völkern das Blut und das Licht aus den Herzen saugt. Dem Schlamme des Niltals entstiegen nicht bloß die Krokodile, die so gut weinen können, sondern auch jene Priester, die es noch besser verstehen, und jener privilegiert erbliche Kriegerstand, der in Mordgier und Gefräßigkeit die Krokodile noch übertrifft.

Zwei tiefsinnige Männer, deutscher Nation, entdeckten den heilsamsten Gegenzauber wider die schlimmste aller ägyptischen Plagen, und durch schwarze Kunst – durch die Buchdruckerei und das Pulver – brachen sie die Gewalt jener geistlichen und weltlichen Hierarchie, die sich aus einer Verbündung des Priestertums und der Kriegerkaste, nämlich der sogenannten katholischen Kirche und des Feudaladels, gebildet hatte, und die ganz Europa weltlich und geistlich knechtete. Die Druckerpresse zersprengte das Dogmengebäude, worin der Großpfaffe von Rom die Geister gekerkert, und Nordeuropa atmete wieder frei, entlastet von dem nächtlichen Alp jener Klerisei, die zwar in der Form von der ägyptischen Standeserblichkeit abgewichen war, im Geiste aber dem ägyptischen Priestersysteme umso getreuer bleiben konnte, da sie sich nicht durch natürliche Fortpflanzung, sondern (…) durch Rekrutierung noch schroffer darstellte. Ebenso sehen wir, wie die Kriegerkaste ihre Macht verliert (…) denn von dem Posaunentone der Kanonen werden jetzt die stärksten Burgtürme niedergeblasen, (…) der eiserne Harnisch des Ritters schützt gegen den bleiernen Regen ebenso wenig wie der leinene Kittel des Bauers; das Pulver macht die Menschen gleich, eine bürgerliche Flinte geht ebenso gut los wie eine adlige Flinte –  das Volk erhebt sich.“ (Englische Fragmente 1828)

Ein deutscher Träumer

Heine litt unsäglich darunter, dass in der Mehrzahl des Volkes, im Gegensatz zu den geistigen Größen, so wenig Freiheitsbewusstsein und so viel Obrigkeits-Hörigkeit lebte. Das Freiheitsgefühl, das er bei den Franzosen und Briten unmittelbar lebendig und eruptiv sich Bahn brechen sah, konnte er bei den Deutschen nur gemüthaft im Rückzugsgebiet des Privaten und des Ruhestandes ausmachen. So schrieb er:

Es lässt sich nicht leugnen, dass auch die Deutschen die Freiheit lieben, aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter.“

Doch er glaubte, dass der stille Freiheitstraum des Deutschen, der sich primär auf die innere Freiheit des wesenhaften Ichs richtet, mehr Zukunftskraft in sich trägt als alle anderen, mehr äußeren Freiheitsvorstellungen, die leicht von den Stürmen der Zeit hinweggefegt werden.

        „Scheltet mir nicht die Deutschen! Wenn sie auch Träumer sind, so haben doch manche unter ihnen so schöne Träume geträumt, dass ich sie kaum vertauschen möchte gegen die wachende Wirklichkeit unserer Nachbarn. Da wir alle schlafen und träumen, können wir vielleicht die Freiheit entbehren, denn unsere Tyrannen schlafen ebenfalls und träumen bloß ihre Tyrannei. Nur damals sind wir erwacht, als die katholischen Römer unsere Traumfreiheit geraubt hatten; da handelten wir und siegten – und legten uns wieder hin und träumten. Spottet nicht unserer Träumer; dann und wann, wie Somnambulen, sprechen sie Wunderbares im Schlafe, und ihr Wort wird Saat der Freiheit.

       Keiner kann absehen die Wendung der Dinge. Der spleenige Brite, seines Weibes überdrüssig, legt ihr vielleicht einen Strick um den Hals und bringt sie zum Verkauf nach Smithfield. Der flatternde Franzose wird seiner geliebten Braut vielleicht treulos und verlässt sie tänzelnd singend nach den Hofdamen seines königlichen Palastes. Der Deutsche wird seine alte Großmutter nie ganz vor die Türe stoßen, er wird ihr immer ein Plätzchen am Herd gönnen, wo sie den horchenden Kindern ihre Märchen erzählen kann. – Wenn einst, was Gott verhüte, in der ganzen Welt die Freiheit verschwunden ist, so wird ein deutscher Träumer sie in seinen Träumen wieder entdecken.“ (Englische Fragmente)

Restauration

Die Julirevolution von 1830 in Frankreich, durch die eine konstitutionelle Monarchie mit weitgehenden Mitbestimmungsrechten des Parlamentes durchgesetzt worden war, führte auch in Deutschland zu kleineren Erhebungen und verstärkten Forderungen nach Verfassungs-Reformen. Doch die reaktionären Kräfte erreichten 1832 in Bundestagsbeschlüssen, dass der Deutsche Bund berechtigt war, gegen revolutionäre Bewegungen in den Einzelstaaten unaufgefordert militärisch einzuschreiten. Das rief bei Heine eine ungeheure Empörung hervor, zumal Preußen in den

Befreiungskriegen gegen Napoleon dem Land eine repräsentative Verfassung versprochen hatte.

„Armes, unglückliches deutsches Vaterland! Welche Schande steht dir bevor, wenn du sie erträgst, diese Schmach! Welche Schmerzen, wenn du sie nicht erträgst! Nie ist ein Volk von seinen Machthabern grausamer verhöhnt worden. Nicht bloß, dass jene Bundestagsordonnanzen voraussetzen, wir ließen uns alles gefallen – man möchte uns dabei noch einreden, es geschehe uns ja eigentlich kein Leid oder Unrecht. Wenn ihr aber auch mit Zuversicht auf knechtische Unterwürfigkeit rechnen durftet, so hattet ihr doch kein Recht, uns für Dummköpfe zu halten.

Eine Hand voll Junker, die nichts gelernt haben als ein bisschen Rosstäuscherei, Kartenspieltricks, Becherspiel oder sonstige plumpe Schelmenkünste, womit man höchstens nur Bauern auf Jahrmärkten übertölpeln kann – diese wähnen, damit ein ganzes Volk betören zu können, und zwar ein Volk, welches das Pulver erfunden hat und die Buchdruckerei und die „Kritik der reinen Vernunft“. Diese unverdiente Beleidigung, dass ihr uns für noch dümmer gehalten, als ihr selber seid, und euch einbildet, uns täuschen zu können, das ist die schlimmere Beleidigung, die ihr uns zugefügt in Gegenwart der umstehenden Völker, die noch mit Erstaunen warten, was wir tun werden. Es handelt sich jetzt nicht mehr, sagen sie, um die Freiheit, sondern um die Ehre.“  (Französische Zustände, Vorrede 1832)

Wie lange wird sich das Volk das gefallen lassen? Riskieren die Oberen nicht, dass sich einzelne Verwegene an sie heranschleichen und zur Gewalt greifen?

„Verlasst euch aber nicht auf Ohnmacht und Furcht von unserer Seite. Der verhüllte Mann der Zeit, der ebenso kühnen Herzens wie kundiger Zunge ist und das große Beschwörungswort weiß und es auch auszusprechen vermag, er steht vielleicht schon in eurer Nähe. Vielleicht ist er in knechtischer Livree oder gar in Harlekinstracht vermummt, und ihr ahnet nicht, dass es euer Verderber ist, welcher euch untertänig die Stiefel auszieht oder durch seine Schnurren euer Zwerchfell erschüttert. Graut euch nicht manchmal, wenn euch die servilen Gestalten mit fast ironischer Demut umwedeln und euch plötzlich in den Sinn kommt: Das ist vielleicht eine List; dieser Elende, der sich so blödsinnig absolutistisch, so viehisch gehorsam gebärdet, der ist vielleicht ein geheimer Brutus? Habt ihr des Nachts nicht manchmal Träume, die euch vor den kleinsten windigsten Würmern warnen, die ihr des Tags zufällig kriechen gesehen?“ (Französische Zustände, Vorrede 1832)

Das deutsche Volk – der große Narr

Aber Heine kann sich das nur im Scherz vorstellen. Zu stark lebt der Untertanengeist im deutschen Volk. Es empfindet, dass etwas nicht stimmt, aber es bringt sich die Dinge nicht ins Bewusstsein, es durchschaut die wahren Verhältnisse nicht. Und wenn Einzelne es darauf hinzuweisen versuchen, verbündet es sich eher mit der Obrigkeit als mit ihnen. Die Herrschenden können sich leider sicher fühlen.

„Ängstigt euch nicht! Ich scherze nur, ihr seid ganz sicher. Unsere dummen Teufel von Servilen verstellen sich durchaus nicht. Seid auch außer Sorge in betreff der kleinen Narren, die euch zuweilen mit bedenklichen Späßen umgaukeln. Der große Narr schützt euch vor den kleinen. Der große Narr ist ein sehr großer Narr, riesengroß, und er nennt sich deutsches Volk. Oh, das ist ein sehr großer Narr! Seine buntscheckige Jacke besteht aus sechsunddreißig Flicken. An seiner Kappe hängen, statt der Schellen, lauter zentnerschwere Kirchenglocken, und in der Hand trägt er eine ungeheure Pritsche von Eisen. Seine Brust aber ist voll Schmerzen. Nur will er an diese Schmerzen nicht denken, und er reißt deshalb umso lustigere Possen, und er lacht manchmal um nicht zu weinen. Treten ihm seine Schmerzen allzu brennend in den Sinn, dann schüttelt er wie toll den Kopf, und betäubt sich selber mit dem christlich frommen Glockengeläute seiner Kappe.

Kommt ein guter Freund zu ihm, der teilnehmend über seine Schmerzen mit ihm reden will, oder gar ihm ein Hausmittelchen dagegen anrät: dann wird er rein wütend und schlägt nach ihm mit der eisernen Pritsche. Er ist überhaupt wütend gegen jeden, der es gut mit ihm meint. Er ist der schlimmste Feind seiner Freunde und der beste Freund seiner Feinde. Oh! der große Narr wird euch immer treu und unterwürfig bleiben, mit seinen Riesenspäßchen wird er immer eure Junkerlein ergötzen, er wird täglich zu ihrem Vergnügen seine alten Kunststücke machen, und unzählige Lasten auf der Nase balancieren, und viele hunderttausend Soldaten auf seinem Bauche herumtrampeln lassen. Aber habt ihr gar keine Furcht, dass dem Narren mal all die Lasten zu schwer werden, und dass er eure Soldaten von sich abschüttelt und euch selber, aus Überspaß, mit dem kleinen Finger den Kopf eindrückt, so dass euer Hirn bis an die Sterne spritzt?

Fürchtet euch nicht, ich scherze nur. Der große Narr bleibt euch untertänigst gehorsam, und wollen euch die kleinen Narren ein Leid zufügen, der große schlägt sie tot.“ (Französische Zustände, Vorrede)

Ähnlichkeiten mit heutigen Zuständen sind nicht zufällig. Denn die seelischen Ursachen schwelen fort. Sie liegen in der Trägheit der meisten, sich nicht im geistigen Streben zu ihrem inneren höheren Ich zu erheben, in dem sie sich als geistig unabhängig erleben können. Sie bleiben in ihrem Alltags-Ich stecken, das den gedanklichen und gesetzlichen Vorgaben der staatlichen Autoritäten folgt, die für sie gleichsam die Rolle eines über ihnen schwebenden höheren Ichs einnehmen, dem sie sich verpflichtet fühlen.

Aufklärung und Entwicklung

Heinrich Heine fühlte sich als „braven Soldaten im Befreiungskrieg der Menschheit“. Er sah seine Aufgabe darin, mit literarischen Mitteln gegen die von der Obrigkeit gelenkte Presse anzuschreiben und bei möglichst vielen Menschen aufklärend und wachrüttelnd zu wirken. Denn nur wenn die große Menge aufwacht, kann Großes erreicht werden.

„Wenn wir es dahin bringen, dass die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr von den Lohnschreibern der Aristokratie zu Hass und Krieg verhetzen, das große Völkerbündnis, die heilige Allianz der Nationen, kommt zustande, wir brauchen aus wechselseitigem Misstrauen keine stehenden Heere von vielen hunderttausend Mördern mehr zu füttern, wir benutzen zum Pflug ihre Schwerter und Rosse, und wir erlangen Friede und Wohlstand und Freiheit. Dieser Wirksamkeit bleibt mein Leben gewidmet; es ist mein Amt. Der Hass meiner Feinde darf als Bürgschaft gelten, dass ich dieses Amt bisher ehrlich und treu verwaltet.“ (Französische Zustände, Vorwort)

Die Bewusstsein-steuernde Macht der „Lohnschreiber“ der heutigen politischen Machthaber hat indessen ein Ausmaß erreicht, das sich Heine damals noch nicht vorstellen konnte. Es sind daher noch viel größere Anstrengungen notwendig, um zu erreichen, „dass die große Menge die Gegenwart versteht.“ Und diese Anstrengungen müssen insbesondere einhergehen mit der Aufklärung über die Anlage und Aufgabe ihrer eigenen deutschen Kultur, dass nicht jeder in seinem dumpfen Alltags-Ich verharre, sondern, die Wahrheit selbst denkend, sich zu seinem höheren Ich erhebe, dessen Sein und Wesen eine einzige Absage gegen Unterdrückung und Knechtschaft ist. Kommt so das Ich zu sich selbst, dann erlebt es:

„Ich bin, weil Ich bin! das ergreift jeden plötzlich. Sagt ihm: das Ich ist, weil es ist, er wird es nicht so schnell fassen; deswegen, weil das Ich nur insofern durch sich selbst, nur insofern unbedingt ist, als es zugleich unbedingbar ist, d.h. niemals zum Ding, zum Objekt werden kann.“ (Schelling: Vom Ich als Prinzip der Philosophie)

Nur aus dem Erleben dieser inneren, in sich selbst gegründeten Unabhängigkeit kann die Empörung gegen jede Form von Fremdbestimmung wachsen, die den Menschen nicht als ein sich selbst bestimmendes Ich, als Subjekt, sondern als Objekt eines fremden Willens behandelt und zum erbärmlichen Sklaven macht.

Quelle: Geolitico

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